Sörenberg
Was ist noch da von der Welt die grösser ich als ich?
Sörenberg war in meiner Kindheit ein wiederkehrender Ortwährend. Mein Vater fuhr mit mir regelmässig dorthin, zu allen Jahreszeiten, aber besonders im Winter. Gerade hier kann dieser Ort auch bedrücken; Weiter im Tal liegt der Nebel tief. Die Hänge bleiben nach Mittag lange dunkel. Wasser zieht geräuschlos durch den Wald. Ab etwa Mittag fällt die Sonne hinter den Kamm. Auf der Rossweid steigt der Schatten langsam den Hang hinauf. Auf der gegenüberliegenden Talseite bleibt das Licht stehen und wird wärmer, während der Wald auf dieser Seite in Dunkelheit übergeht.
Hermeline im Moos, kurz am Rand des Sichtbaren. Murmeltiere auf dem Brienzer Rothorn, deren Pfiffe den Hang durchschneiden. Gämse, Steinböcke, Eulen – als wüssten sie nichts davon, beobachtet zu werden. Die karge Schrattenfluh, die in ihrer scheinbaren Leere doch von unterirdischen Kanälen durchzogen ist, voller verborgenem Leben.
Es ist diese Welt im Kleinen, die doch so viel grösser ist als ich, als wir.
Vielleicht liegt genau darin etwas, das sich nicht festhalten lässt: dass diese Welt sich nicht zeigt, um behalten zu werden, sondern nur für den Moment, in dem man sie sieht.
Ich kam nach Sörenberg mit einer Kamera, war aber nicht sicher, was ich festhalten wollte. Manche Orte entziehen sich der Sprache schneller, als sie sich dem Blick öffnen. Für mich ist Sörenberg einer dieser Orte.
Nicht der Ort entzieht sich. Sondern die Vorstellung, ihn festhalten zu können.
Vielleicht habe ich Sörenberg nicht als Bild festgehalten. Ich habe es nur wiedererkannt – in den Rändern, im Kleinen, dort, wo nichts Spektakuläres gesucht wird, sondern das, was sonst übersehen würde.
Die Serie bleibt offen und wird sich bei weiteren Besuchen in Sörenberg fortsetzen.

